Zeit der Veränderung
Über das Aktionscamp gegen Atomwaffen für eine atomwaffenfreie Welt, in Büchel Juli/August 2009
BÜCHEL. (Quelle: www.infotrier.de) Monique D´Hooge aus Belgien sucht am Fliegerhorst in Büchel den Weltfrieden.„Können sie bitte, bitte, bitte, heute abend mal unter ihr Bett gucken, ob sich der Weltfrieden da versteckt. Wir suchen den nämlich, aber wir haben den noch nicht gefunden. Ich glaub der versteckt sich, der hat Angst, aber wir brauchen den so.“ Clownin Monique D´Hooghe aus Belgien ist auf der Suche nach dem Weltfrieden. Sie sucht ihn nicht nur, sie demonstriert dafür. Gemeinsam mit Friedensaktivisten aus den unterschiedlichsten Bundesländern und aus Städten von Berlin bis München. Alle treffen sich im Aktionscamp dem gaaalischen Dorf. Gaaalisch weil Organisator des Friedenscamps vom 13. Juli bis zum 9. August 2009 die GAAA ist – die „Gewaltfreie Aktion Atomwaffen Abschaffen“. Ziel der Aktion ist die Abrüstung in Deutschland, genau genommen in Büchel. Hier befinden sich zwanzig B 61 Atomsprengköpfe obwohl die Bundeswehr öffentlich nicht darüber spricht. Die Pazifisten wollen das Deutschland bei der UN-Konferenz zum Atomwaffensperrvertrag im Jahr 2010 erklärt, dass es in Deutschland keine Atomwaffen mehr gibt. Die Demonstration ist gewaltfrei. Aber trotzdem sind die Demonstranten nicht brav. Sie führen Aktionen öffentlichen Ungehorsams aus. Diese sind nicht unriskant. Das macht den Friedensaktivisten nichts, denn sie wollen, dass sich Hiroshima und Nagasaki nicht noch einmal wiederholen.
Es war ein ganz normaler Morgen im Krieg. Um 7.00 Uhr entdeckte das japanische Frühwarnsystem drei Flieger am Himmel über der Stadt Hiroshima. Darunter auch der US-Bomber Engola Gay, in dessen Bauch sich der „Little Boy“
Ca 30km hoher Atompilz über Hiroshima.befand, die erste Atombombe die zeigen sollte, zu welch großem Übel Menschen fähig sind. Doch um 8.00 Uhr gibt es Entwarnung. Man glaubt, dass der normale Tagesablauf beginnen kann. Weit gefehlt. 8.17: US-Pilot Paul Tibets klinkt die Bombe aus - 9450 Meter über Hiroshima. Stille. Und plötzlich ein Knall. Jetzt ist alles zu spät. Menschen sind nun hilflos dem Tod ausgesetzt. Eine atomare Kettenreaktion beginnt. Überlebende berichten später von einer Blendung. Ein helles Licht. Sie können nichts sehen, spüren aber wie das Licht ihre Haut heiß werden lässt. Dann ein Rauschen. Innerhalb von 43 Sekunden macht eine Druckwelle 80 Prozent der Innenstadtfläche Hiroshimas dem Erdboden gleich. Körper werden durch die Luft geschleudert. Ein Feuerball mit einer Innentemperatur von einer Million Grad Celsius entsteht. Die Haut von Menschen in der Innenstadt verdampft regelrecht, ihre Körper verbrennen“. Wer nach zwanzig Minuten noch lebt sieht einen Atompils von 30 km Höhe und spürt schon bald den Bleigeschmack des atomaren Niederschlags im Mund. Ein Pulver, das Krankheiten und Missbildungen enthält, die noch über Generationen bestehen bleiben können.
"Bruder Polizist! Bruder Politiker! Ich sitze hier auch für dich und deine Kinder!", war die Parole von Barbara Rütting.„Bruder Polizist! Bruder Politiker. Ich sitze auch hier fürd dich und deine Kinder!“ Worte von der Schauspielerin Babara Rütting. Seit 1983 demonstriert sie schon gegen Atomwaffen. Die Schauspielerin und Friedensaktivisten beteiligte sich auch an der Promidemonstration mit Peter Kelly oder Robert Jung. Immer wieder fuhr sie nach Mutlangen um gegen die Pershing 2 Raketen zu demonstrieren. Sie ließ sich auch festnehmen und musste eine Geldstrafe bezahlen. Oft fühlte sie sich wie eine Schwerverbrecherin behandelt. Doch sie gab nie auf. Mit Erfolg: Die Atomwaffen in Mutlangen wurden nach 8 Jahre langer Stationierung 1990 abgezogen und verschrottet. Am Sonntag, Tag des Absturzes der zweiten Atombombe in Nagasaki am 9. August 1945, nimmt die Prominente schließlich an der Demonstration am letzten Atomwaffenstandpunkt in Büchel teil. Sie hat Hoffnung: „Das weiche Wasser bricht den Stein“ meint die Aktivistin. Gerne hätte sie auch an einer GoIn-Aktion teilgenommen und wäre über den Zaun in das militärische Sperrgebiet eingedrungen.
Monique D´Hooghe (41), Toni Schund (22) und Christian Mallas (22) gelangten ins militärische Sperrgebiet.Das brauchte sie aber gar nicht, denn eine solche Aktion zivilen Ungehorsams fand schon am Freitag den 7. August statt. Übeltäter war Monique D´Hooghe aus der ClownsArmy CIRCA gemeinsam mit ihren zwei Komplizen den beiden 22-jährigen Toni Schund und Christian Mallas. Sie zerschnitten den Nato – Draht, der das Gebiet um den Fliegerhorst umgibt und kletterten auf die andere Seite. Alle drei sind angeklagt wegen schwerem Landfriedensbruch. Eine GoIn-Aktion wie diese ist eine Aktion öffentlichen Ungehorsams. Das deutsche Recht gibt vor, dass auf eine widerrechtliche Handlung eine widerrechtliche Handlung als Reaktion folgen darf. Wird jemand geschlagen, darf er sich wehren. Die Pazifisten wehren sich gegen die Atomwaffen, die sie als Bruch des Atomwaffensperrvertrags von 1968 oder gegen das Völkerrecht ansehen. Doch nicht immer ist der Richter auf ihrer Seite. 2008 schafften es sieben Belgier über den Zaun und wurden zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Polizeidirektor vor Ort weiß, was hinter den Aktionen steckt. Vor Gericht haben die „Ungehorsamen“ die Chance ihre Meinung an eine breitere Öffentlichkeit zu bringen. Er steht den Aktivisten neutral gegenüber und bezeichnet sie als friedlich.
Büchel - Die Bürger sind kritisch gegenüber den Demonstrationen.Samstag 14.00. Eine Drachenaktion ist von dem BFS geplant. Die Pazifisten wollen auf einem Feld vor dem Fliegerhorst Drachen steigen lassen. Auf dem Feldweg begegnet ihnen ein Autofahrer. Die Demonstranten grüßen. Er reagiert nicht. Er guckt kritisch. Kritisch ist auch die Bevölkerung des nahe gelegenen Ortes Büchel. Büchel ist ein ganz normales Dorf in der Eifel. In der Mitte die katholische Kirche. Die Bürger fühlen sich durch die Demonstranten gestört. Einige haben Angst ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Diese Angst ist unbegründet. Denn das Jagdgeschwader 33 ist Teil der deutschen Bundeswehr. Würden die Atomwaffen abgezogen, würde mit ihnen nicht gleich der Stützpunkt Büchel geschlossen. Doch die Bundeswehr wird in Deutschland im
Ein Gruppenphoto bevor die Drachenaktion losgehen kann.mer mehr abgebaut. Es besteht Unsicherheit. Die Menschen wirken gleichgültig. Auf diese traurige Gleichgültigkeit stützt sich Peter Bleser Abgeordneter und Spitzenkandidat der CDU. Er richtet sich in einer Pressemitteilung gegen das ZDF. Der öffentlich rechtliche Sender wollte für eine Fernsehdokumentation in Büchel drehen, bekam aber aufgrund „strenger Sicherheitsvorkehrungen“ ein Verbot. Bleser ist nicht auf der Seite des ZDF. „CDU/CSU sind mit ihrem Festhalten an Atomwaffen in Deutschland und der nuklearen Teilhabe der Bundeswehr ein echtes Abrüstungshindernis“, meint Ulrike Höfken, Bundestagsabgeordnete des Bündnis90/Die Grünen in (Rheinland-Pfalz/Bitburg). Aus zwei Gründen zögert die CDU mit einer vollkommenen Abrüstung: Wegen dem Mitspracherecht in der Nato und zur Abschreckung aufrüstender Staaten wie Nordkorea oder dem Iran. Grundmotivation ist die Angst. Die Angst vor dem Machtverlust.
Scheinwerfer, laute Musik und eine bunte Videoleinwand. Am Haupttor des Fliegerhorstes hört "Care vor deiner eigenen Tür." Rap von der Band RBM.man am Samstagabend Rap Musik. „Links, rechts, links, rechts, links rechts“ äffen die Rapper der Band Royal Beuel Massiv den Gleichschritt der Soldaten nach und die Friedensaktivisten tanzen mit. RBM kritisieren mit ihren Liedern die Gesellschaft und ihr Motive. Schon im letzten Jahr war die Band bei der Demonstration dabei. Zu diesem Anlass hatten sie ein Lied geschrieben: „Care vor deiner eigenen Tür“. Genau das wollen die Friedensaktivisten: vor der deutschen Tür kehren. Sie wollen nicht warten bis Russland anfängt abzurüsten oder bis Frankreich oder Nordkorea keine Atombomben mehr haben, sondern sie wollen jetzt aus der Sandkastenideologie des Waffenwettbewerbs aussteigen. Die Grünen unterstützen die Aktion der Friedensaktivisten. Ulrike Höfken, Bundestagsabgeordnete der Grünen, verspricht sich durch militärische Macht
Bettina Stratmann (Die Linke, links im Bild), Heike Raab (SPD, rechts im Bild) und Ulrike Höfken (Die Grünen, nicht im Bild) besuchten das Camp.keinen Einfluss. Deswegen sagt sie: „Solange Deutschland, die Nato oder andere Nuklearmächte behaupten, dass Atomwaffen für die eigene Sicherheit unverzichtbar sind, wird man von anderen Staaten schwerlich glaubhaft verlangen können, dass diese ihre Souveränität und Sicherheit ohne Rückgriff auf Atomwaffen gewährleisten“. Ähnlich argumentieren auch Grünenvorstandssprecher Daniel Köbler und Joseph Becker, Generalsekretär der FDP Rheinland-Pfalz. Auch die Linke setzt auf eine Abrüstung in Deutschland. Das es ohne Waffen geht beweist nach Angaben des Vereins „Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinte Kriegsgegner“ das Land Costa Rica. Costa Rica sei gerade weil es ohne Armee und Waffen keine Bedrohung darstelle bei den südamerikanischen Nachbarländern sehr angesehen. Costa Rica fungiere als Vermittler. Sonntag ist der letzte Tag eines vierwöchigen Aktionscamps mit Teilnehmern aus ganz Deutschland.
"We shall overcome" - singen die Friedensaktivisten.War es am Samstagabend noch sehr kühl, ist es wieder warm geworden. Um zwölf Uhr begeben sich die Friedensaktivisten auf die Straße um zu demonstrieren. Angesetzt ist ein Sternmarsch, gestartet wird von zwei Standorten. Auf dem Weg vom Lutzerather Tor zum US-Stützpunkt singen die Pazifisten das Lied „We shall overcome“, das auch Martin Luther King in den USA bei seinen Demonstrationen für die Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen sang. Auch die Demonstration in Büchel wird von einem Pfarrer unterstützt. Dr. Matthias Engelke ist Friedensaktivist und Mitglied der Initiative für Frieden. Er hatte einmal dem Pastor aus Büchel angeboten gemeinsam einen Friedensgottesdienst zu halten. Doch dieser lehnte ab. Pfarrer Engelke ist sich sicher, dass Atomwaffen sich nicht mit christlichen Werten vereinen lassen.
Auch Martin Luther King sang: "We shall overcome."Einige deutsche Bürger beginnen mittlerweile an den Werten der CDU zu zweifeln, die sich doch auf christliche Werte beruft. Atomwaffen dienen aber weder dem Schutz der Erde, der im Sinne Gottes ist, erst gar nicht der Versöhnung und auch nicht der Gemeinschaft. Gemeinschaft ist nach Marion Küppker von der GAAA ein wichtiger Meilenstein für den Frieden. In diesem Jahr beteiligten sich sehr wenige an der gewaltfreien Aktion, dabei waren Vereine wie Pax Christi, der Bund Sozialer Verteidigung oder IALANA. Bei einer erneuten Aktion wäre Unterstützung der vielen anderen pazifistischen Vereine Deutschlands sicher willkommen.
Obama ist für eine Abrüstung.Martin Luther ist schon längst Tod. Er ist für seine Werte gestorben. Doch sein Einsatz hat sich gelohnt. Heute ist ein Schwarzer Präsident der vereinigten Staaten: Barack Obama. Und Obama hat erkannt, dass es Zeit für die Abrüstung ist. Wie sich in der ZDF-Dokumentation „Die Bombe“ zeigt, stehen auch erfahrene Politiker aus der Zeit des kalten Krieges wie Henry Kissinger hinter ihm. Die Reportage des Heute-Journal-Moderators Claus Kleber und der Regisseurin Angela Andersen wirkt wie ein Krimi. In Israel erfährt er, dass es keinen Sinn hat den Iran abzuschrecken. Denn im Iran herrscht religiöser Fanatismus. Die Iraner haben jegliches Vertrauen in die westlichen Mächte verloren. Sie sind so erzogen, dass es für sie eine Ehre ist zu sterben und viele mit in den Tod zu reißen. Vor den Atomwaffen der Großmächte haben sie keine Angst. Kleber erfährt von Putin auch, dass er mitzieht, wenn Amerika mit der Abrüstung beginnt. Ein Dorn im Auge der Russen soll zudem ein Raketenabwehrschild sein, das die USA in Tschechien und Polen errichten will. Mit diesem Schild können so genannte Mini-Nukes abgeschossen werden. Diese uranhaltigen Waffen werden auch in Büchel gelagert. Die Sprengköpfe können 4 Meter dicken Beton durchbrechen. Gefährlich sind sie besonders dann wenn sie in Waffenlager einschlagen.
Wie kann die Politik einen Weg einschlagen der zum Frieden führt?
Was tun wenn ein ganzer Staat wie der Iran bereit ist dem Tod geradezu entgegenzulaufen? Claus Kleber bemerkt in seiner Reportage: „Wenn die Welt die Atomwaffen abschieben will, dann muss sie die Probleme am Kern anpacken.“ Die Großmächte sollten nicht auf Konflikten zwischen Ländern wie Afghanistan und Pakistan ihre Suppe kochen. Es geht darum Konflikte auf eine andere Art und Weise zu lösen als durch Waffen. Wer Frieden säht wird schließlich auch Frieden ernten. Der "DFG-VK- Deutsche Friedensgesellschaft vereinte KriegsdienstgegnerInnen" weist in einer Infobroschüre auf Alternativen zum Militär hin. Beispielsweise das Programm „Ferien vom Krieg“ ist ein Versöhnungsdienst für Kinder aus Konfliktländern. Kinder aus befeindeten Ländern machen gemeinsam in einem anderen Land Urlaub. Dort werden Freundschaften geschlossen, die lange Jahre aufrechterhalten werden. Eine Art der Kriegsprävention wäre durch bestehende Computerprogramme wie zum Beispiel dem „Conflict Barometer“, entwickelt von zwei US-Forschern, das Konfliktpotenzial von Staaten frühzeitig erkennt. Nach einem Ergebnis könnten zwei Konfliktländer durch ein neutrales Land als Mediator betreut und zu einer friedlichen Konfliktlösung geführt werden.
Angst und Gleichgültigkeit sind kein Weg zum Frieden.
Atomwaffen sind tickende Zeitbomben, schon durch ein ungewolltes Unglück können sie explodieren. Oft scheint der Frieden so unmöglich, dass wir über andere lachen die davon träumen. Kleber bezeichnet diese Zeit als eine historische Zeit: Die mächtigste Großmacht ist bereit zur vollkommenen Abrüstung und Russland ist bereit mitzuziehen. Solche Zeitpunkte sollten wir nutzen.


























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